NLP in Hamburg

 
Spiegelneuronen – die neurobiologische Grundlage des Einfühlens

Woher stammt die menschliche Gabe, sich einzufühlen und ohne nachzudenken Entwicklungen vorauszuahnen? Wie entsteht Intuition? Vor 15 Jahren stießen Wissenschaftler bei Versuchen mit Affen zufällig auf eine erste Spur dieses "Bauchgefühls". Sie führte zu einem speziellen Typ von Nervenzellen im Gehirn, den so genannten Spiegelneuronen.

Spiegelneuronen erfüllen im Gehirn eine Doppelfunktion: Sie senden Signale, wenn jemand handelt. Und sie treten in Aktion, wenn der Betreffende eine Handlung nur beobachtet. Es macht für sie keinen Unterschied, ob sie etwas wahrnehmen oder eine Reaktion selbst auslösen. Sie spiegeln das Gesehene wider und setzen die gedankliche Nachahmung in Gang. "Handlungen und Gefühle anderer Menschen", erklärt der Arzt und Psychotherapeut Joachim Bauer, "werden im Gehirn des Beobachters sozusagen innerlich nacherlebt. Das erklärt, warum wir es fast körperlich spüren und innerlich miterleben, wenn sich jemand anderes ekelt oder freut, und wieso wir beispielsweise Schmerz so gut nachempfinden können." Wer beim Anblick der Vogelspinne auf James Bonds Brust eine Gänsehaut bekommt und angewidert erstarrt, in dessen Hirn führen die Spiegelneuronen Regie. Der Unterschied zwischen Fiktion und Wirklichkeit ist nur eine Frage der Quantität. Während beim Fühlen einer echten Spinne Tausende von Haut-Sinneszellen aktiviert werden, feuern beim Zusehen nur wenige Spiegelneuronen.

Offenbar gibt es außerdem im Gehirn eine Art neuronaler Schranke, die verhindert, dass die Signale der Spiegelzellen immer an Muskeln oder Organe weitergeleitet werden. Wie der Sperrmechanismus genau funktioniert, ist unklar. Beobachtungen haben jedoch gezeigt, dass er bei großer Aufregung und starken Emotionen durchbrochen werden kann. Der zuckende Fuß des Zuschauers, wenn ein Fußballspieler zum Elfmeter ansetzt, ist nur ein Beispiel dafür.

Verstehen durch Mitempfinden - durch dieses neu erkannte Arbeitsprinzip des Gehirns bekommen nicht nur schwer fassbare Fähigkeiten wie die Intuition eine biologische Grundlage. Einige Experten halten Spiegelneuronenfür die treibende Kraft hinter weiteren Geistesleistungen: Fragen nach der Evolution, nach Lernen, Sprache und Kultur lassen sich damit womöglich beantworten.

Ein ansteckendes Gähnen, ein Lächeln, das wir unwillkürlich erwidern, ein Flirt: Spiegelungen zwischen zwei Menschen. Mit den Neuronen lässt sich begründen, warum Eltern instinktiv den Mund aufreißen, wenn sie wollen, dass ihr Baby den Löffel mit Brei akzeptiert. Und es wird nachvollziehbar, warum der Stellenanwärter im Bewerbungsgespräch, ohne nachzudenken, die Beine genauso kreuzt wie der Personalchef. In geselliger Runde sorgen Spiegelneuronen dafür, dass Menschen sich wohlfühlen. Die ausgelassene Stimmung überträgt sich von Mensch zu Mensch. Die Folge: ein Gleichklang der Gefühle. Psychologen bezeichnen dieses Phänomen als Resonanz. Es stellt sich fast automatisch ein, sobald Menschen in engem Kontakt stehen. Das Kind spürt, wenn die Mutter sich ärgert. Der Verliebte weiß, was in seiner Partnerin vorgeht. Für dieses spontane Verstehen brauchen wir dank der Spiegelneuronen keine Worte.

So weiß man dank Kernspintomografen mittlerweile: Spiegelneuronen sitzen sowohl im prämotorischen Kortex, der für Bewegungen zuständig ist, als auch im insularen Kortex, wo Gefühle wie Ekel verarbeitet werden, und im sekundären somatosensorischen Kortex, der Berührungen registriert. Wahrscheinlich sind Spiegelneuronen auch in anderen Hirnregionen zu finden. Das hieße: Spiegelzellen sind in der Lage, die ganze Palette menschlicher Gefühle zu imitieren: Freude und Trauer, Furcht und Angst.

Nur ein Bruchteil der 100 Milliarden Neuronen unter der Schädeldecke dient als Spiegelzellen. Reaktionen, die das Gehirn selbst erzeugt, sind intensiver als Spiegelungen, die ein Gegenüber auslöst. Das führt dazu, daß das Gefühl für "Ich" und "Du" gewahrt bleibt - die Welt der anderen zwingt sich uns nie vollständig auf.

Ein umfassendes Bild im Kopf entsteht nur, weil andere Hirnregionen die Wahrnehmung der Spezialzellen weiter verarbeiten. Das Ergebnis solch unbewusster Denkprozesse ist zwangsläufig subjektiv. Jeder ist in seinen persönlichen Denkschemata gefangen und beurteilt Eindrücke auf der Basis seiner Erfahrungen.

Buchtipp: Joachim Bauer (2005), "Warum ich fühle, was du fühlst."

Quelle: Von mir gekürzte und überarbeitete Artikel aus der Apotheken Umschau, Juli 2005 und Zeit-Wissen, 2004